Der Behinderten- und Rehabilitations-Sportverband Bayern e. V. (BVS Bayern) gehört mit ca. 35.000 Mitgliedern in rund 450 Vereinen in 7 Bezirken zu den größten Behindertensportverbänden in Deutschland. Der moderne Verband bietet alle Arten des Sports für u.a. Amputierte, Diabetiker, Gefäßerkrankte, Wirbelsäulenerkrankte, Geistig Behinderte, Krebsnachsorgepatienten, psychisch Erkrankte wie auch für Menschen ohne Behinderung. Das ehrenamtliche Präsidium koordiniert gemeinsam mit den Sportwarten und Abteilungsleitern und der Landesgeschäftsstelle in München die vier Säulen des Behindertensports: Integrations-, Leistungs-, Breiten- und Rehabilitationssport.
Im Leistungs- und Breitensport stehen über 40 Sportarten zur Wahl. In vielen dieser Sportarten werden Wettkämpfe auf regionaler, Landes- und Bundesebene sowie internationale Turniere angeboten und ausgerichtet. Im Breitensport werden zusätzlich zahlreiche Sport- und Spielfeste, Freizeiten für Kinder und Erwachsene sowie spezielle Kurse organisiert, die allen Interessenten offen stehen.
Im Rehabilitationssport bietet der BVS Bayern mit speziell vom ihm ausgebildeten und lizensierten Übungsleitern in zahlreichen Rehabilitationssportgruppen Möglichkeiten an, sich mit der besonderen Problematik der erworbenen Behinderungen auseinandersetzen.
Neue Wege beschreitet der Verband beim Integrationssport, den er sich verstärkt auf die Fahne geschrieben hat. Zurzeit eröffnen mit der Initiative und Unterstützung des BVS Bayern die ersten Erlebten Integrativen Sportschulen (EISs), deren Gütesiegel EISs rechtlich geschützt wurde.
Die Anfänge
Bereits in der Antike wusste Asklepios (Äskulap) um den Nutzen der Bewegung zur Heilung verschiedener Erkrankungen. Alle vier Jahre fand bereits die Asklepieia statt, die ähnlich den Olympischen Spielen aus musischen und athletischen Inhalten bestand. Auch Sokrates, Hippokrates und Platon priesen die Vorzüge der menschlichen Bewegung und einige der Erkenntnisse aus der Antike haben heute noch Gültigkeit. So treiben Menschen mit Behinderung schon seit gut 2000 Jahren oder länger Sport, der aber erst seit ca. 120 Jahren, also nach der Gründung des ersten Gehörlosensportvereins 1888 in Berlin, in organisiertem Rahmen abläuft. Schon während des 1. Weltkrieges hatten einige Lazarette (u.a. in München, Magdeburg, Kassel und Köln) eigene Versehrtensportabteilungen in denen Rasenspiele, Schwimmen, Rudern, Fechten, Turnen und Turnspiele, Kleingolf, Bogenschießen usw. angeboten wurden. Nach dem Beginn des 2. Weltkrieges wurde der Versehrtensport durch Wehrmachtteile geregelt, allerdings entstand nach dessen Ende zunächst ein Vakuum, welches durch die Initiative einiger Gruppen gefüllt wurde.
Bayern
In Bayern fanden ab 1946 die ersten geregelten Übungsstunden für Versehrte statt. So gab es in München z.B. Schwimmabende und im übrigen Bayern wurden Übungsstunden mit unterschiedlichem Inhalt angeboten. Bereits 1948 wurden vom VdK Bayern am Wendelstein die ersten Versehrten Skiwettkämpfe mit über 100 Aktiven und 1949 schon mit über 250 Aktiven in Oberstdorf ausgerichtet. In enger Zusammenarbeit mit dem VdK Bayern konnten bis 1950 48 Vereine und Gruppen mit über 2100 Kriegsversehrten gegründet werden, deren Vertreter am 21. Juni 1952 die offizielle Gründung der "Arbeitsgemeinschaft Bayerischer Versehrtensport" vornahmen.
Die folgende kurze Übersicht über die Jahre 1952 bis 1992 soll nur einen Einblick in die Geschichte des BVS Bayern geben. Sie wurde mit der freundlichen Genehmigung von Ehrenpräsident Dr. Kurt Rudhart aus den Texten der vorigen Festschriften zusammengefasst und ist im Detail in der Festschrift "40 Jahre BVS Bayern" Seiten 6 bis 41 nachzulesen.
1952 - 1961
In den Anfangsjahren mussten zunächst so grundlegende Dinge, wie die Frage nach der möglichen Rentenkürzung durch Teilnahme am Versehrtensport oder die Frage nach der Durchführung des Sports als Freizeit- oder Leistungssport entschieden werden. Im Laufe des ersten Verbandstages in München Grünwald wurde die ABV in Bayerischer Versehrtensportverband e.V. umbenannt. Nach zahlreichen Gesprächen wurde den "Versehrtenleibesübungen" im Mai 1956 die Anerkennung ausgesprochen und somit die finanzielle Unterstützung durch die Versorgungsverwaltung gesichert. Am 27. April 1959 schließlich sagte Arbeitsminister Stain zu, ab 1960 einen eigenen Titel im Haushalt des Arbeitsministeriums einzusetzen, mit dessen Hilfe die wachsenden Aufgaben des BVS finanziell untermauert werden konnten. Neben diesen grundlegenden finanziellen Aspekten fiel in diese Zeit die Erstausgabe von "der sportkamerad" (1954), die Bestätigung des ersten Landesfachwartes, die Ersterscheinung des Bildkalenders, die Ausbildung zahlreicher Übungsleiter und Ärzte sowie der Beschluss, den Kinder- und Jugendsport zu fördern.
1962 - 1971
Im Laufe des 5. Verbandstages im Mai 1962 wurden als vordringliche Aufgaben des Verbandes die stärkere Betreuung der Jugend und die Errichtung eines eigenen Versehrtensportheimes beschlossen. Diese Betreuung der Jugend wurde 1963 dem BVS auch vom Kultusministerium übertragen, das - einmalig in Deutschland - auch die anfallenden Kosten trägt. Das Versehrtensportheim wurde nach zweimaligen Briefsammlungen, bei denen insgesamt DM 139.000 zusammenkamen, am 21. Januar 1967 in Unterjoch eröffnet. Noch im selben Jahr fanden die ersten Skilehrgänge, Verwaltungslehrgänge und Ski-Lehrwarte Lehrgänge im Haus Unterjoch statt. 1969 wurde die erste Jugend-Ferienwoche angeboten, die in den folgenden Jahren zum festen Bestandteil der Angebote wurde. Eine dritte Briefsammlung und ein Anteil aus der Aktion "Helft Wunden heilen", an der sich auch zahlreiche BVS Vereine beteiligten, sowie die Belegung des Hauses mit verschiedenen Gruppen machten 1971 einen Anbau und eine Erweiterung der Sportanlagen möglich.
1972 - 1981
Nach 20 jährigem Bestehen war der BVS in diesen Jahren sowohl finanziell besser gestellt als auch in seinen Aktivitäten gefestigt. Die Ausbildungen der Übungsleiter und Sportärzte, die Durchführung von Sportveranstaltungen und die soziale Betreuung der Mitglieder wurde seitens der Geschäftsstelle in München und der Ehrenamtlichen souverän gemeistert. Die Jubiläen zum 20. und 25. Bestehen fanden jeweils in Kelheim vor der festlich geschmückten Befreiungshalle unter Beteiligung zahlreicher Mitglieder und Ehrengäste statt. Aufgrund der starken Zunahme der zivil- und unfallbehinderten Mitglieder wurde 1976 dem Namen des BVS der Untertitel "Fachverband für sporttreibende Behinderte" zugefügt. Im selben Jahr nahmen 3 bayerische Teilnehmer/innen an den "Weltspielen der Behinderten" in Toronto teil und wurden seitens des Ministerpräsidenten Goppel für die Erringung der insgesamt acht Goldmedaillen, einer Silber- und einer Bronzemedaille geehrt. Ab 1978 begann sich der Übergang vom Versehrten- zum Behindertensport abzuzeichnen, denn bereits 1980 stellten die Zivil- und Unfallbeschädigten 48% der Mitglieder wogegen in den Anfangsjahren 90% Kriegsversehrte Mitglied waren. Diese Umschichtung in der Mitgliederverteilung machte auch eine Umschichtung der Finanzierung erforderlich, welche durch das Inkrafttreten der "Gesamtvereinbarung über den ambulanten Behindertensport" am 01. Juli 1981 abgeschlossen wurde.
1982 - 1991
Ein weiteres Zeichen für die Integration der Jugend und aller Zivilbehinderten sowie für die geänderte Mitgliederstruktur setzte der 11. Landesverbandstag am 19./20. Mai 1984 in Beilngries, als der Name des BVS mit nur einer Gegenstimme auf den noch heute gültigen Namen "Behinderten- und Versehrten-Sportverband Bayern" geändert wurde. Auch die Öffentlichkeit nahm mehr und mehr Notiz vom BVS Bayern, der sich und seine Angebote nicht nur in zahlreichen Ausstellungen, wie z.B. 1987 während des REHAforums in Erlangen oder auch 1989 in der Vorhalle des Sozialministeriums in München darstellte, sondern auch im Fernsehen und in der Tagespresse vermehrt gelobt wurde. Diese Öffentlichkeit zog großzügige Unterstützungen seitens verschiedener Institutionen nach sich, von denen nur 2 exemplarisch genannt werden sollen: 1989 und 1990 wurde jeweils ein BVS Verein mit dem "Grünen Band für vorbildliche Talentförderung" der Dresdner Bank ausgezeichnet und der Sparkassen- und Giroverband gab einen Zuschuss für die Anschaffung erforderlicher Sportgeräte. Ein weiterer wichtiger Meilenstein für die Zukunft des BVS wurde am 26. Oktober 1990 durch den Beschluss des BLSV Präsidiums gelegt, der festschreibt, dass die BLSV Vereine den Präventionssport und die BVS Vereine den Rehabilitationssport anbieten werden.
1992 - 2002
Leider lässt sich der eben genannte Beschluss des BLSV-Präsidiums nicht lückenlos in die Tat umsetzen. So müssen wir feststellen, dass außerhalb des BVS Bayern in vielen Vereinen Rehabilitationssport angeboten wird. Neben dem Rehabilitationssport rückt der Leistungssport Behinderter immer mehr in das öffentliche Interesse. Grund dafür sind nicht zuletzt die Paralympics. Politik, Medien und Öffentlichkeit werden in zunehmendem Maße auf die Paralympics aufmerksam. Waren es 1992 in Barcelona noch die Katalanen, die die behinderten Sportler in ausverkauften Stadien frenetisch feierten, so waren es im Jahr 2000 die Medien, die die Paralympics aus Sydney in einem noch nie da gewesenen Ausmaß übertragen haben. Bleibt nur zu hoffen, dass die Tendenz anhält, denn nur wer Öffentlichkeit hat, wird in der Öffentlichkeit auch wahrgenommen. Dazu gehört aber auch die Politik, die dankenswerterweise den Behindertensport nach wie vor durch ihre Anwesenheit "ins Licht der Öffentlichkeit rückt". Erwähnenswert ist hier insbesondere in Bayern die gemeinsame Veranstaltung des Bayerischen Ministerpräsidenten bei der Sportlerehrung, wo behinderte und nicht behinderte Sportler gleichermaßen geehrt werden. Die Frage nach dem "wo steht der Behindertensport", hat der BVS Bayern klar und deutlich beantwortet: Mitten im Leben. In Kooperationen mit großen Fachverbänden des BLSV, dem Bayerischen Fußballverband, dem Bayerischen Schwimmverband, dem Bayerischen Leichtathletikverband, dem Bayerischen Turnverband, dem Bayerischen Sportkeglerverband, der LAG Bayern, dem Kuratorium Therapeutisches Reiten, dem Kneipp Bund LV Bayern und dem Bayerischen Schützenbund versuchen wir das Know-how dieser großen Verbände für unsere Sportler mit zu nutzen. Wir sind hier erst am Anfang, aber ich denke, dass wir uns hier auf dem richtigen Weg befinden. Hierzu gehört auch die Errichtung von Landesleistungsstützpunkten, so beispielsweise für behinderte Radfahrer in Altenstadt, für Bogenschützen in Erlangen und - dies ist nun wirklich ein Novum und einmalig in der Bundesrepublik - in Zusammenarbeit mit der Lebenshilfe Erlangen für geistig behinderte Leichtathleten und Fußballer in Fürth. Gerade der Personenkreis der Menschen mit geistiger Behinderung, die Leistungssport treiben wollen und können, wurde bisher etwas ins Abseits gestellt. Der BVS Bayern bemüht sich hier eine Vorreiterrolle zu spielen. In die vergangenen 10 Jahre fiel aber auch ein Ereignis, das nicht unerwähnt bleiben darf. Nach 40 Jahren hat Dr. Kurt Rudhart sich beim Landesverbandstag 1996 in Ingolstadt nicht mehr zur Wiederwahl gestellt. 40 Jahre an der Spitze eines Verbandes prägt nicht nur die Persönlichkeit, sondern auch den Verband. In der Festschrift zur 40-Jahr-Feier des BVS Bayern hat Dr. Kurt Rudhart ausgeführt: "Richten wir den Blick in die Zukunft und versuchen die uns selbst gestellten Aufgaben gemeinsam - alte und junge Mitarbeiter - zu bewältigen. Die jetzige sportliche und auch organisatorische Entwicklung, die natürlich eine weitere Belastung des Ehrenamtes mit sich bringt, darf uns nicht entmutigen, denn sie bietet auch eine echte Möglichkeit des "Überlebens" und der "Wiederbelebung" mancher Vereine und Gruppen. Ein Abkapseln zeugt nicht nur von einer falschen moralischen Einstellung zur Sache, sondern auch von einer Kurzsichtigkeit der Vereinsführung. Machen wir uns daher für unser Ehrenamt ein Zitat von Albert Schweitzer zu Eigen, der einmal sagte: "Ich will nicht alle meine Kraft für mich selber brauchen, sondern einen Teil davon der Gemeinschaft zur Verfügung stellen; denn ich muss etwas finden, das mein Herz glücklich macht." Diesen Ausführungen möchte ich mich - als neuer Präsident des BVS Bayern - vorbehaltlos anschließen und dieses Motto aufgreifen. Daneben möchte ich Ihnen meinen Wahlspruch mit auf den Weg geben: "Das Alte bewahren, dem Neuen aufgeschlossen gegenüber stehen".
Reiner Krippner
Ehrenpräsident